Unser Städtle Gemeinde Rathaus Tourismus Linachtalsperre Termine Datenschutz
Startseite Gemeinde Geschichte Wissenswertes

Gemeinde


Städtische Einrichtungen Sanierungsgebiet Stadtkern II Sanierungsgebiet Stadtkern III Projekte Freibad Wirtschaft Immobilien / Grundstücke Hochwasserschutz Geschichte Partnerstadt Links Ehrungen

Bruderkirchle oder Michaelskapelle Krumpenschloss Orchestrion Uhrmacherhäusle Ruine Neufürstenberg Religiöse Mahnmale Wissenswertes

Vöhrenbach Hammereisenbach Langenbach Urach Inhaltsverzeichnis Impressum

Wissenswertes


Vöhrenbach und die Französische Revolution –
der tragische Tod des Bürgermeisters Michael Stöhr

An der Außenwand der katholischen Pfarrkirche St. Martin können Aufmerksame die Grabplatte eines der bedeutendsten Bürgermeister Vöhrenbachs entdecken, sie erinnert an Michael Stöhr. Ursprünglich im alten Kirchhof aufgestellt, dann 1810, nach Anlage des neuen Friedhofes, außen an der Kirchenwand angebracht, wurde sie im Jahr 1953 beim Kirchenneubau von einigen geschichtsbewussten Vöhrenbacher Bürgern in letzter Minute vor der Zerstörung gerettet und zunächst im Kirchturmerdgeschoss verwahrt. Dank der Initiative des Ortsgeschichtsforschers Erich Willmann, wird sie heute zur Bewahrung des Stadtgeschichtsbewusstseins in würdiger Weise an der Sakristeiaußenwand erhalten.

Umbruch
Gehen wir zurück zu jener Epoche, in der Michael Stöhr für Stadt und Bürger wirkte. In der hier behandelten Epoche besaß Vöhrenbach verfassungsgemäß einen Bürgermeister für die Verwaltung (heute etwa Hauptamt, Rechnungsamt) und einen Stadtschultheißen (Vorsitzender des Stadtrates und Richter). Dieser Zustand währte bis 1809 als die nun badische Stadt badische Verwaltungsstrukturen annahm. Um das Jahr 1796, und von den Ereignissen am Ende des 18. sowie zu Beginn des 19. Jahrhunderts soll hier die Rede sein, gehörte ein Großteil des Schwarzwaldes zu Vorderösterreich. Dessen Gebiet reichte, in zahlreiche Herrschaftsbereiche zersplittert, von Oberschwaben über die Nordschweiz bis ins Elsass, Verwaltungshauptstadt war zuzeiten Enisheim, später, nach Annexion des Elsass’ durch Frankreich im 30jährigen Krieg, Freiburg im Breisgau. Dazu gehörte auch die Herrschaft Triberg mit Furtwangen, Gütenbach, Neukirch, Schönwald, Schonach, ebenso die Städte Villingen und Bräunlingen. Im uns hier interessierenden Bereich findet sich auch Besitz des Herzogtums Württemberg, nämlich St. Georgen und Tennenbronn samt umliegendem Land. Inmitten dieser Verwaltungsbezirke lag die 1244 gegründete, damals fürstenbergische Amtsstadt Vöhrenbach, mit ihren rund 700 Einwohnern. Soviel zur geografisch-verwaltungsmäßigen Situation am Ende des völlig verfilzten und unbeweglichen, auf die deutsche Nation reduzierten, Heiligen Römischen Reiches in der Mitte Europas.
Die politische Lage des ausgehenden 18. Jahrhunderts mit der Aufklärung zeigte sich unruhig. Tausendjährige Machtverhältnisse begannen zu wanken. Nach vielen Versuchen in ganz Europa, die Verhältnisse zu modernisieren, die Menschen freier zu machen, Vöhrenbach scheint im Großen Bauernkrieg 1525 mit dem „Vöhrenbacher Artikelbrief“ auf, versetzte die Französische Revolution mit dem Sturm auf das Staatsgefängnis „Bastille“ in Paris und den nachfolgenden blutigen Ereignissen, dem Alten Regime in Europa den endgültigen Todesstoß. Sie führte unter Rückzugsgeplänkeln, die in Deutschland über ein Jahrhundert dauerten, mit Aufständen und Weltkriegen, zur heutigen demokratisch legitimierten Herrschaftsform. Eine neue Epoche des frei sich bestimmenden Staatsbürgers löste die alte Welt des fürstlichen Untertanen und feudalen Knechtes (knight) ab. Die meisten von uns Heutigen verdanken jener Revolution ihre ganz persönliche gegenwärtige Freiheit, eine Tatsache, die nie vergessen werden darf. Jene Revolutionsereignisse wirkten direkt auch auf die hiesige Gegend ein.

Vöhrenbach
Natürlich gab das monarchische Ancien Régime in Frankreich seine Privilegien nicht kampflos auf, es bildete sich unter der Führung des Bourbonen Louis-Joseph Prinz von Condé eine Armee aus geflohenen Adligen, die mithilfe der Monarchien in Deutschland und England die neue französische Republik hinwegfegen wollten. Diese Armee weitestgehend aus von deutschen Fürsten zur Verfügung gestellten Söldnern unter der Führung adliger französischer Offiziere, bewegte sich auch im Schwarzwald, berührte Vöhrenbach. Die neue französische Republik sah sich zu Recht bedroht und schuf als Neuheit in der jüngeren Geschichte eine Armee aus Staatsbürgern, die im Bewusstsein, dass es um ihre ganz persönliche Freiheit ging, sich dem allgemeinen, verpflichtenden Wehrdienst unterzogen und bewusst kämpften: „Contre nous de la tyrannie!“ Der Gegenstoß dieser Patrioten-Armee ließ nicht lange auf sich warten, Schwaben wurde, wie so oft in der Geschichte, Schauplatz europäischer Kriegshändel. So auch der Schwarzwald. Im Stadtarchiv hat sich das Tagebuch des Hafnermeisters Johannes Ganter erhalten, worin er die damaligen Zeitläufte ab 1793 schildert. 1796: „Besatzungsnot, Krieg in der Heimat. Allhier in Vöhrenbach sind am 29. September die (österreichischen) Kaiserlichen wiederum eingerückt zu jedermann größter Freud und haben sich täglich vermehrt, so daß bis auf 2.400 Mann hier sind einquartiert worden. Die Häuser waren so voll, daß man hat nicht mehr sitzen können. Wir haben 15 Mann gehabt und sind die Wenigsten. Man hat bis 20 und 30 Mann in einem Haus gehabt. Am 9. Oktober kam ein Lärmen, daß die Franzosen von Donaueschingen herziehen. Da brach alles auf und stellte sich in Schlachtordnung, ein Teil auf den Silberacker, der andere am Haubächleweg (heute Mühleberg) und die Canonen auf dem Angel (heute beim Möbelhaus Hohbach). Die Schleifebruck wart aufgehabt, alles in größten Ängsten, sind aber wieder im Frieden heimgezogen. Nachts darauf um 12 Uhr kommt der Befehl zum Abmarsch. Da musste alles fort auf die Berge gegen Triberg und Hirzwald und Sommerau, bis die Franzosen im Quartier sein und uns alles ausgefressen, gesoffen und geplündert haben. An die 12.000 sind drei Tage hier gewesen. Den dritten Tag sind die Kaiserlichen wieder von den Bergen kommen herunter. Wie die Franzosen inne werden, daß die Kaiserlichen wieder kommen, so haben sie sich augenblicklich parat gemacht und auf einmal alles fort der Neustadt zu und haben sich dort sechs Tage aufgehalten und haben grausam mit Leuten gehabt, geplündert und gebrannt. Die Kirche und zwei Häuser sind verbrennt im Flecken.“ …

Michael Stöhr
Während der oben geschilderten Kriegsereignisse fand Bürgermeister Michael Stöhr den Tod. Die französischen Truppen, auf der Suche nach Geld zur Deckung ihrer Militärkosten, hatten es auf die Vöhrenbacher Stadtkasse abgesehen. Diese aber war, nichts Neues unter der Sonne, leer. Der Bürgermeister entzog sich weiterer Diskussion durch Flucht, wobei er den Weg über die Dachspeicher (Bühnen) der zusammengebauten Häuser wählte. Unglücklicherweise übersah er dabei ein Heuloch und stürzte zu Tode: „Hernach ist er durchs Heuloch das ganze Haus hinunter in die Scheuer gefallen und ist maustot.“ so Chronist Ganter. Selbigen Tages noch wurde der Schmied Xaver Merz zum neuen Bürgermeister gewählt, der bei der Beerdigung von Michael Stöhr der Überlieferung nach sagte: „Der allmächtige Herr wird ihm den ewigen Lohn geben, welchen er an unserer Vaterstadt verdient hat.“
Aber nicht nur als Retter der leeren Stadtkasse ist Bürgermeister Stöhr in Erinnerung geblieben, sondern auch als fähiger Verwaltungsmann. Davon zeugt herausragend die folgende Episode: Von der Stadt Vöhrenbach forderte die Landesherrschaft Fürstenberg in jenen hier besprochenen Zeiten, weite Gemarkungsteile in den Grenzbereichen gegen die Ortschaften Herzogenweiler und Hammereisenbach. Vöhrenbach ließ sich dies aber nicht ohne weiteres gefallen, es kam zum Prozess. Ein Fortschritt. Hätte man sich früher mit Fehde und Gegenfehde jahrzehntelang die Köpfe eingeschlagen und sich bis aufs Blut schikaniert, behandelte man nun solche Streitigkeiten auf dem Wege des Zivilprozesses. Wahrlich eine Zivilisierung! Der Bürgerausschuss (etwa Kleiner Rat) jedenfalls, bestellte den damaligen Bürgermeister Zuckschwerdt zum Prozessbevollmächtigten. Nun zogen und ziehen sich Rechtshändel oft äußerst lange hin, muss doch jedes Detail von allen Beteiligten ernsthaft erwogen und gebührend abgeschätzt werden. Im Laufe der sich ziehenden Prozesszeit erkrankte Bürgermeister Zuckschwerdt ernsthaft. Da er nicht mehr daran glaubte, das Ende des gerichtlich ausgefochtenen Streits zu erleben, rief er einen jungen Mann, der für seinen gesunden Menschenverstand bekannt war, ans Sterbebett und beschwor ihn, den Rechtsstreit zu einem guten Ende zu führen. Es war Michael Stöhr, dem der sterbende Bürgermeister zutraute, die Sache glücklich für die Stadt zu erledigen. Nach dem Hinscheiden des Bürgermeisters etwa im Jahr 1768, wurde Stöhr dann zum Bürgermeister und damit zum Prozessbevollmächtigten gewählt. Seine nicht leichten Aufgaben erfüllte der neue Bürgermeister mit großem Eifer und viel Geschick. Am Ende stand der Sieg der Stadt Vöhrenbach vor dem fürstenbergischen Landesgericht. Als er tödlich verunglückte war Michael Stöhr in der Gemeinde hoch geachtet. Vöhrenbach verlor mit ihm einen großen Mann.

Die Familie Stöhr war eines der ältesten Vöhrenbacher Geschlechter. Man findet sie schon in den frühen Kirchenbüchern. Die Schmiedewerkstatt der Stöhr befand sich am Platz der heutigen Firma Kleiser (Bermannstraße – Marktstraße), wo auch 1904 der letzte direkte Nachfahr starb.

Erich Willmann / Redaktion Stadtarchiv Vöhrenbach

Literatur:
Der Text fußt auf Forschungspublikationen von Erich Willmann